Deutschland misst jetzt von hinten – Fortschritt mit Tiefgang

Das Bild ist bemerkenswert: Ein Land mit bröckelnder Infrastruktur, überlastetem Gesundheitssystem, taumelnder Bildungslandschaft und einer Verwaltung, die digitale Formulare ausdruckt, um sie anschließend wieder einzuscannen – und die Bundesregierung beschließt, nun mit großer Entschlossenheit die Emissionen von Kühen zu vermessen. Das ist ungefähr so, als würde man bei einem Hausbrand zuerst die Türklingel polieren, damit der Rauchmelder sich nicht vernachlässigt fühlt.

Es klingt wie eine Parodie, ist aber offizielles Klimaschutzprogramm. Hunderte Seiten Maßnahmenkatalog, Milliarden aus Klimafonds, neue Vorschriften, neue Förderlinien. Und mittendrin die Idee, das Rindvieh zum mobilen Emissionslabor aufzurüsten. Sensor hier, Bilanz dort, Echtzeitdaten aus dem Stall. Irgendwo in einem Ministerium sitzt offenbar jemand, der das für einen großen Schritt der Menschheit hält. Methan ist zweifellos ein Thema. Die Landwirtschaft trägt dazu bei. Die eigentliche Frage lautet nur, ob ein Staat, der an der Digitalisierung seiner eigenen Behörden scheitert, wirklich bereit ist, Stallluft in Echtzeit zu protokollieren.

Es fügt sich erstaunlich gut in das deutsche Prinzip politischer Symbolakrobatik: Strukturelle Probleme werden nicht gelöst, sie werden präzise vermessen. Statt grundlegende Fragen zu stellen – Bestandsgrößen, Produktionsweisen, Konsummuster – wird ein Messprogramm aufgelegt. Die Konfliktlinie bleibt unangetastet, die Technologie übernimmt die Rolle des Feigenblatts. Klimaschutz als Placebo, diesmal mit IoT-Sensor und Excel-Tabelle.

Der Ablauf ist vorhersehbar. Erst die Messung, dann die Norm, dann der Grenzwert, schließlich der Bußgeldkatalog. Am Ende erklären uns jene, die keine Bahnstrecke ohne Dauerbaustelle betreiben können, wie viele Milliliter Methan eine vorbildliche deutsche Kuh pro Tag ausstoßen darf. Man darf annehmen, dass Kühe in anderen Ländern ehrfürchtig den Schwanz senken, sobald sie von deutschen Grenzwerten hören. Vorbildfunktion verpflichtet schließlich. Und international bewundert wird dieses Modell ja ohnehin, zumindest in den Reden derer, die es entworfen haben.

Die Ironie liegt auf der Hand: Global entstehen gewaltige Emissionen aus fossiler Energie, industriellen Prozessen und riesigen Beständen andernorts. Deutschland hingegen glaubt, der Planet lasse sich retten, wenn im Allgäu die Sensorik stimmt. Es ist derselbe Glaube, der auch dann an technische Detailsteuerung festhält, wenn die großen Hebel unangetastet bleiben. Man regelt das Messbare und hofft, dass es wie Problemlösung aussieht.

Was zurückbleibt, ist weniger Empörung als Ratlosigkeit. Nicht, weil Klimaschutz unwichtig wäre, im Gegenteil. Sondern weil politische Energie dort am sichtbarsten wirkt, wo sie am wenigsten wehtut. Die großen Baustellen bleiben groß, die kleinen werden präzise katalogisiert. So entsteht das Gefühl, dass Verwaltung zur Ersatzhandlung geworden ist: Wir können messen, wir können normieren, wir können verbieten. Denken delegieren wir an die nächste Arbeitsgruppe.

Am Ende macht sich Deutschland nicht lächerlich, weil es Klimaschutz ernst nimmt, sondern weil es ihn in immer feinere Verwaltungsrituale zerlegt. Während andere über Energiepreise, Industriepolitik und Sicherheit debattieren, diskutieren wir Sensoren im Stall. Das wäre amüsant, wenn es nicht so symptomatisch wäre. Und wenn es so weitergeht, lautet die finale Antwort auf die Klimakrise vermutlich: Emissionspass für Kühe, Klimakonto für Bürger und der Stolz, als erste Nation das Furzen normiert zu haben. Ob man uns dafür bewundert, ist eine offene Frage. Gelacht wird jedenfalls schon. Und nicht nur auf der Weide.

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