Deutschland auf der Durchreise: Wie ein Staat seine Leistungsträger verabschiedet und sich dafür moralisch lobt

Immer mehr Menschen denken darüber nach zu gehen, und die Politik wirkt ehrlich überrascht. Als hätte jemand plötzlich das Licht im Sitzungssaal eingeschaltet und man stelle nun fest, dass dort seit Jahren niemand mehr auf die Zahlen geschaut hat. Dabei ist der Befund alles andere als neu. Der Staat kassiert zuverlässig wie eine Hochpreisversicherung und liefert mit der Verlässlichkeit eines überforderten Bürgeramts am Montagnachmittag.https://www.n-tv.de/panorama/Jeder-Fuenfte-in-Deutschland-denkt-uebers-Auswandern-nach-id30224434.html

Ein Land auf gepackten Koffern

Die Kurzstudie des DeZIM-Instituts zeigt, dass 21 Prozent der Menschen in Deutschland darüber nachdenken, das Land zu verlassen. Bei Menschen ohne Migrationshintergrund sind es 17 Prozent, bei Eingewanderten 34 Prozent, bei deren Kindern bereits 37 Prozent. Man könnte daraus schließen, dass diejenigen, die das System besonders gut kennen, auch besonders sorgfältig prüfen, wo sie ihre Zukunft verbringen wollen.

Besonders bemerkenswert ist, dass ausgerechnet jene Gruppen, die Deutschland offiziell als Beleg seiner Attraktivität anführt, das Land zunehmend als Zwischenstation behandeln. Wer mobil, gut ausgebildet und international anschlussfähig ist, stellt nüchtern fest, dass hohe Abgaben, steigende Regulierung und abnehmende Planbarkeit kein Standortvorteil sein müssen. Offenbar funktioniert Marktlogik auch dann, wenn man sie politisch nicht vorgesehen hat.

Der gekündigte Gesellschaftsvertrag

Formal existiert der Gesellschaftsvertrag weiterhin. Bürger zahlen Steuern, Beiträge und Abgaben, der Staat verspricht Schutz, Infrastruktur, Rechtsstaat und Daseinsvorsorge. Praktisch hat sich das Verhältnis effizient vereinfacht. Gezahlt wird weiter. Geliefert wird situativ.

Die Sozialsysteme werden nicht reformiert, sondern betreut. Rente, Krankenversicherung und Pflege werden mit steigenden Beiträgen, sinkenden Leistungen und viel rhetorischer Zuwendung stabil gehalten. Man verlängert den Zustand und nennt es Sicherung. Ein grundlegender Umbau, der Demografie, Produktivität und internationale Konkurrenz ernsthaft einbezieht, wäre deutlich aufwendiger und politisch riskanter. Solange sich Beitragssätze erhöhen und Verantwortung kommunikativ verteilen lässt, besteht kein akuter Handlungsbedarf.

Parallel dazu entwickelt der Staat eine bemerkenswerte Effizienz in eigener Sache. Es entstehen neue Behörden, Koordinierungsstellen, Programme und Strategiepapiere, die vor allem eines leisten, nämlich weitere Arbeit für den Apparat zu erzeugen. Ob daraus funktionierende Abläufe für die Bürger entstehen, gilt als offene Frage. Wer eine Leistung braucht, wird zur Geduld erzogen. Wer zahlt, erfährt pünktliche Konsequenz.

Kein Zukunftsentwurf, nur Verwaltung des Mangels

Während andere Volkswirtschaften technologiegetriebene Industriepolitik, Standortstrategien und geopolitische Realitäten miteinander verknüpfen, führt Deutschland intensive Debatten über moralisch korrekte Heizsysteme und sprachliche Feinjustierungen. Zukunft wird nicht gestaltet, sondern moderiert.

Eine international anschlussfähige Industrieagenda fehlt ebenso wie eine durchgängige Digitalstrategie, ein leistungsorientiertes Bildungssystem oder eine Energiepolitik, die Versorgungssicherheit und Preise verlässlich ordnet. Stattdessen werden bestehende Strukturen mit wachsendem Mitteleinsatz kosmetisch stabilisiert. Das Ergebnis ist gut dokumentiert. Höhere Kosten, geringere Leistung und ein Vertrauen, das sich langsam verabschiedet.

Wer geht und wer bleibt

Die Wanderungszahlen sprechen eine klare, aber wenig überraschende Sprache. Im Jahr 2024 verließen rund 1,2 bis 1,3 Millionen Menschen Deutschland, darunter etwa 270.000 Deutsche. Gleichzeitig wanderten 1,5 bis 1,7 Millionen Menschen zu, häufig mit geringerer formaler Qualifikation. Besonders auffällig ist, dass gut integrierte und gut ausgebildete Eingewanderte überdurchschnittlich häufig über Abwanderung nachdenken. Offenbar gilt auch hier, dass Integration Orientierung schafft.

Das Muster ist konsistent. Mobile Leistungsträger prüfen Alternativen und nutzen sie zunehmend. Gleichzeitig zieht Deutschland Menschen an, für die soziale Sicherung ein zentrales Motiv darstellt. Diese Zusammenhänge sind seit Jahren bekannt, erforscht und dokumentiert. Der politische Umgang damit besteht vor allem darin, die moralische Deutung zu pflegen. Weltoffenheit, Humanität und Vielfalt sind wichtige Begriffe. Sie ersetzen allerdings keine funktionierende Standortpolitik.

Moral statt Verantwortung

Anstatt offen über Fehlanreize, Überlastung und notwendige Prioritäten zu sprechen, kultiviert die politische Klasse ein hohes moralisches Selbstbild. Hinweise auf strukturelle Probleme gelten schnell als unsensibel oder problematisch. So lässt sich Realität elegant umdefinieren, ohne sie verändern zu müssen.

Die Zahlen liegen auf dem Tisch. Die Risiken für Fachkräftesicherung und Sozialsysteme sind beschrieben. Politisch dominiert dennoch die Erzählung eines Landes auf gutem Weg, das lediglich besser erklärt werden müsse. Bürger, die Sicherheit, Berechenbarkeit und Perspektive verlangen, werden nicht als Adressaten von Politik behandelt, sondern als Zielgruppe für Erklärungen.

Ein Land ohne Angebot

Am Ende bleibt für viele eine nüchterne Kosten Nutzen Rechnung. Hohe Steuern und Abgaben, Sozialsysteme mit sinkender Leistungsdichte, eine marode Infrastruktur, ein Bildungssystem, das Prüfungen, Konzepte und Zuständigkeiten verlässlich produziert, Bildung aber zunehmend dem Zufall überlässt sowie eine Migrationspolitik ohne klare Steuerungslogik. Ergänzt wird dieses Angebot durch eine politische Klasse, die lieber Haltungen formuliert als Verantwortung übernimmt und lieber Gremien gründet als Ergebnisse liefert.

Dass unter diesen Bedingungen jede fünfte Person über Auswanderung nachdenkt und unter mobilen und hochqualifizierten Gruppen der Anteil deutlich höher liegt, ist kein Rätsel. Es ist die stille Abwahl eines Systems, das viel verlangt und wenig überzeugt.

Ironisch gesehen hat Deutschland alles richtig gemacht, um seine eigene Zukunft zu verprellen. Es hat Leistung teuer gemacht, Mobilität moralisch kommentiert und Perspektiven durch Bürokratie ersetzt. Dass Bürger darauf reagieren und Alternativen prüfen, überrascht offenbar nur die Politik. Der Gesellschaftsvertrag besteht auf dem Papier fort. In der Realität wird er leise beendet. Nicht aus Protest, sondern aus Vernunft. International gilt Deutschland inzwischen weniger als Vorbild denn als warnendes Beispiel dafür, wie ein Staat sich selbst aus dem Wettbewerb nimmt.

Der große Exodus: Fachkräftemangel? Wir exportieren sie doch!

Wer geht und warum

Man muss unseren politischen Entscheidungsträgern eines lassen: Sie sind konsequent. Seit Jahren wird über den Fachkräftemangel gejammert, werden Kommissionen gegründet und Expertisen eingeholt. Dabei ist die Lösung des Rätsels so simpel, dass man sie fast übersehen könnte. Wir haben gar kein Problem damit, Talente zu finden. Wir sind Weltmeister darin, sie auszubilden. Um sie dann, quasi als kostenlosen Service der deutschen Steuerzahler, an Länder zu verschenken, die Leistung noch zu schätzen wissen.

Seit gut 15 Jahren lässt sich dieses Phänomen beobachten. In den Fluren der Ministerien wird es gerne als „normale Fluktuation“ verharmlost. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Eine Sprache des Abschieds. Wie die Bundeszentrale für politische Bildung unter Berufung auf das Statistische Bundesamt bestätigt, kehren dem Land jährlich Hunderttausende den Rücken.
https://www.bpb.de/themen/migration-integration/regionalprofile/deutschland/550949/auswanderung-aus-deutschland/

Im Jahr 2023 etwa verließen rund 265.000 Deutsche das Land, während deutlich weniger zurückkehrten. Ein Nettoverlust von etwa 74.000 Menschen. In den letzten 15 Jahren entspricht das dem Verlust einer ganzen Großstadt.
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Wanderungen/Tabellen/wanderungen-zwischen-deutschland-und-dem-ausland-staatsangehoerigkeit.html

Was wir verlieren und was wir bekommen

Es sind nicht jene, die unser Sozialsystem belasten. Es gehen die Leistungsträger. Ingenieure, Ärzte, IT-Spezialisten. Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung gehören 76 Prozent der deutschen Auswanderer zur akademischen oder beruflichen Elite.
https://www.focus.de/finanzen/news/neue-studie-domaene-der-hochqualifizierten-hunderttausende-deutsche-wandern-aus_id_11424311.html

Sie gehen im produktivsten Alter, meist zwischen 30 und 40 Jahren. Genau jene, die Steuern zahlen, Familien gründen und Innovationen schaffen. Währenddessen bleibt die Zuwanderung geprägt von Menschen, die mehrheitlich keinen Berufsabschluss vorweisen können.
https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2024/12/SVR-Kurzbuendig_Einwanderung_2024.pdf

Das ist kein Brain Exchange. Das ist Brain Drain im klassischen Sinne. Ein strukturelles Defizit mit langfristiger Wirkung.

Kapital auf der Flucht

Es ist nicht nur der Mensch, der geht. Es geht auch das Kapital. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft wurden 2023 lediglich 22 Milliarden Euro an ausländischen Direktinvestitionen nach Deutschland gelenkt. Gleichzeitig betrug der Kapitalabfluss ins Ausland 94 Milliarden Euro.
https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/christian-rusche-hohe-abfluesse-deuten-auf-deindustrialisierung-hin.html

Auch das Beteiligungskapital versiegt. Die Netto-Direktinvestitionen sind von über 150 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf nur noch 43 Milliarden Euro im Jahr 2024 eingebrochen.
https://www.vfa.de/de/wirtschaft-standort/macroscope/macroscope-ruecklaeufige-direktinvestitionen

Investoren meiden den Standort

Die EY-Studie 2025 spricht eine klare Sprache. Die Zahl ausländischer Investitionsprojekte in Deutschland sank um 17 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2011. Seit dem Hochpunkt 2017 verzeichnet Deutschland einen Rückgang von 46 Prozent. Großbritannien verzeichnete im Vergleich dazu nur ein Minus von 25 Prozent.
https://www.ey.com/de_de/newsroom/2025/05/ey-standort-deutschland-2025

Besonders alarmierend: Bei US-Investitionen in Europa fiel der Rückgang in Deutschland mit 27 Prozent mehr als doppelt so stark aus wie im europäischen Durchschnitt.

Eine Politik der Selbstsabotage

Deutschlands Standortattraktivität leidet unter einer überbordenden Bürokratie, planwirtschaftlicher Regulierung und einer steuerlichen Belastung, die längst jede vertretbare Grenze überschreitet.

Die politische Klasse beschäftigt sich mit ideologischen Projekten. Brücken bröckeln, Unternehmen schließen. Im Jahr 2024 wurden rund 200.000 Unternehmen in Deutschland abgemeldet. Ein historischer Spitzenwert.

Die deutsche Verwaltung glänzt nur noch beim Ausfüllen von Formularen. Wer ein Unternehmen gründet, einen Bauantrag stellt oder ein Produkt zulassen möchte, braucht eine Engelsgeduld und Galgenhumor.

Und während sich Investoren, Talente und Unternehmen verabschieden, bleibt dem Land nur eines: die Hoffnung, dass jemand das Licht ausmacht. Aber bitte erst nach erfolgreicher Antragstellung.

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