Wenn 10 minus 5 im Kanzleramt als 20 verbucht wird

79 Prozent weniger Körperschaftsteuer im Januar. Neunundsiebzig. Das ist kein statistisches Rauschen, kein konjunkturelles Lüftchen, kein „Sondereffekt“. Das ist ein Einschlag mit Ansage. Und dennoch wirken manche politische Reaktionen, als habe man soeben erfahren, dass Wasser bei null Grad gefriert.

https://apollo-news.net/kassenmige-krperschaftsteuer-einnahmen-brechen-im-januar-um-79-prozent-ein/

Die Überraschung ist allerdings weniger der Einbruch selbst als die gespielte Verwunderung darüber.

Seit Jahren mehren sich die Hinweise. Energiepreise auf internationalem Höchstniveau. Eine Steuer- und Abgabenlast, die Unternehmen im europäischen Vergleich systematisch benachteiligt. Bürokratiekosten, die sich in immer neuen Berichtspflichten, Lieferkettendokumentationen, Nachhaltigkeitsnachweisen und Formularorgien materialisieren. Investitionen wandern ab. Produktionslinien werden stillgelegt. Mittelständler geben auf oder verlagern ins Ausland. Konzerne investieren lieber dort, wo Rechenoperationen noch zu betriebswirtschaftlich vertretbaren Ergebnissen führen.

Und nun also die Nachricht: Die Körperschaftsteuer bricht ein.

Man fragt sich ernsthaft, wer hier eigentlich überrascht sein soll.

Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Industrie- und Handelskammern, Unternehmerverbände – sie alle haben seit Jahren darauf hingewiesen, dass eine anhaltende Schwächung des Standorts zwangsläufig die Steuerbasis erodiert. Wenn Gewinne schrumpfen, schrumpft die Körperschaftsteuer. Wenn Betriebe schließen, verschwindet die Gewerbesteuer. Wenn Arbeitsplätze wegfallen, sinken Lohn- und Einkommensteuer. Das ist kein neoliberales Mantra, sondern schlichte Mathematik.

Wer weniger Wertschöpfung erzeugt, kann weniger besteuern.

Die Vorstellung, man könne eine Volkswirtschaft durch politische Zielvorgaben, moralische Appelle und immer neue Auflagen gleichzeitig verteuern und dennoch fiskalisch melken wie zuvor, hat etwas Rührendes. Sie erinnert an den Versuch, eine Kuh durch gutes Zureden zum Milchgeben zu bewegen, nachdem man sie zuvor auf Diät gesetzt und ihr den Stall verkauft hat.

Besonders bemerkenswert ist dabei der zeitliche Verlauf. Die strukturelle Schwächung der Industrie kam nicht über Nacht. Die Energiepolitik der letzten Jahre war kein Naturereignis. Die Abwanderung energieintensiver Branchen war kein meteorologischer Zufall. Insolvenzzahlen steigen nicht spontan aus Langeweile. Wenn Unternehmen ihre Produktion nach Osteuropa, Asien oder Nordamerika verlagern, geschieht das selten aus sentimentalen Gründen.

Sie tun es, weil sich Rechnen wieder lohnen soll.

Natürlich zahlen insolvente Unternehmen keine Steuern. Und verlagerte Unternehmen zahlen sie dort, wo sie produzieren. Auch Arbeitslose sind – bei allem Respekt – keine tragende Säule der Einkommensteuer. Wer also eine Politik verfolgt, die Wertschöpfung im Inland systematisch reduziert, darf sich nicht wundern, wenn die Steuerquellen versiegen.

Das eigentlich Beunruhigende ist nicht der Einbruch selbst. Konjunkturzyklen gibt es immer. Beunruhigend ist die strukturelle Blindheit gegenüber Ursache und Wirkung.

Statt die Einnahmenseite als Spiegel wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit zu begreifen, wird reflexhaft über „fehlende Arbeitsbereitschaft“, „zu geringe Wochenarbeitszeiten“ oder „mangelnde Leistungsbereitschaft“ der Bürger diskutiert. Als sei der durchschnittliche Arbeitnehmer schuld daran, dass energieintensive Industrie abwandert oder mittelständische Betriebe an regulatorischer Überforderung ersticken.

Es ist bequem, Bürgern Faulheit zu unterstellen. Es ist weniger bequem, eigene politische Fehlanreize zu analysieren.

Hinzu kommt die Ausgabenseite. Während die Einnahmen erodieren, wachsen die Verpflichtungen. Entwicklungshilfe, militärische Engagements, expansive Sozialprogramme, eine stetig wachsende Verwaltungsstruktur – alles politisch begründbar, alles mit moralischen oder geopolitischen Argumenten versehen. Nur eines fehlt häufig: die nüchterne Frage nach der langfristigen Finanzierbarkeit.

Das Delta zwischen Einnahmen und Ausgaben öffnet sich. Zur Finanzierung wird mehr Kredit aufgenommen. Höhere Verschuldung bedeutet steigende Zinslasten. Steigende Zinslasten engen den fiskalischen Spielraum weiter ein. Das ist kein apokalyptisches Szenario, sondern der Mechanismus jeder öffentlichen Haushaltsrechnung.

Man muss kein Finanzwissenschaftler sein, um zu erkennen, wohin diese Dynamik führen kann.

Der Begriff „Staatsbankrott“ wird in Deutschland gerne als polemische Übertreibung abgetan. Aber Staatsfinanzen unterliegen denselben Grundregeln wie Unternehmensfinanzen: Wer dauerhaft über seine Verhältnisse lebt und gleichzeitig seine Ertragsbasis schwächt, reduziert seine Handlungsfähigkeit. Irgendwann wird aus Flexibilität Zwang.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob der Einbruch der Körperschaftsteuer überraschend war. Er war es nicht. Die entscheidende Frage ist, warum trotz jahrelanger Warnsignale kein entschlossenes Gegensteuern erkennbar war.

Eine Regierung, die industrielle Substanz verliert, darf sich nicht wundern, wenn der fiskalische Unterbau bröckelt. Wer Unternehmen mit steigenden Kosten, regulatorischer Verdichtung und planungsrechtlicher Unsicherheit konfrontiert, sollte zumindest die Grundrechenarten beherrschen. Weniger Unternehmen, weniger Gewinne, weniger Beschäftigung führen zu weniger Steuern.

So simpel ist das.

Statt moralischer Belehrungen an die Bevölkerung wäre vielleicht ein nüchterner Blick in die eigene Bilanz angebracht. Nicht die Bürger müssen zuerst länger arbeiten oder höhere Steuern akzeptieren. Zunächst ist die Politik gefordert, ihre Ausgabenprioritäten zu überprüfen, Ineffizienzen abzubauen und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts ernsthaft zu stärken.

Ein Staat lebt von der Leistungsfähigkeit seiner Wirtschaft. Wer diese schwächt, schwächt sich selbst.

Die wahre Überraschung besteht also nicht im Einbruch der Steuereinnahmen. Die wahre Überraschung ist, dass man so tut, als sei er unerwartet gekommen.

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