Die Maske fällt: Wie die Kartellparteien die Demokratie vor den Bürgern retten wollen

Es war einer dieser seltenen Momente politischer Ehrlichkeit. Daniel Günther sitzt bei Markus Lanz, spricht über Jugendschutz, Verantwortung und Qualität und sagt dann den entscheidenden Satz. Man müsse notfalls zensieren, im Extremfall sogar verbieten. Kein Versprecher. Kein Missverständnis. Sondern Klartext. Die Maske fällt. Endlich wird ausgesprochen, was sonst nur hinter wohlklingenden Formeln versteckt wird.

https://www.nius.de/politik/news/notfalls-zensieren-ministerpraesident-guenther

Denn im Kern geht es hier nicht um Jugendschutz, nicht um Qualitätsjournalismus und schon gar nicht um Demokratie. Es geht um Macht. Um den Wunsch, Kritik nicht mehr ertragen zu müssen. Um den Versuch, Grundrechte so umzubauen, dass sie weiter hübsch im Schaufenster stehen, im Alltag aber nicht mehr stören.

Die Demokratie des Grundgesetzes lebt nicht davon, dass Regierungen sich selbst für demokratisch erklären. Sie lebt davon, dass Bürger sich frei informieren, frei streiten und frei urteilen können. Genau deshalb steht in Artikel 5 dieser unbequeme Satz, der Politiker seit jeher nervös macht. Eine Zensur findet nicht statt. Kein Sternchen. Kein Zusatz. Kein Hinweis darauf, dass das nur gilt, solange die Regierung sich nicht angegriffen fühlt.

Wenn ein Ministerpräsident öffentlich darüber nachdenkt, Zensur notfalls einzusetzen, dann bewegt er sich nicht am Rand des Sagbaren. Er greift das Zentrum der Verfassung an. Das ist kein Demokratieschutz. Das ist Demokratiesimulation.

Das Muster dahinter ist alt und zuverlässig. Unter dem Etikett Schutz der Demokratie wird genau das abgeschafft, was Demokratie ausmacht. Kritik wird nicht widerlegt, sondern problematisiert. Abweichende Meinungen werden nicht diskutiert, sondern als Gefahr markiert. Wer stört, gilt nicht als falsch, sondern als bedrohlich. Und was als bedrohlich gilt, darf reguliert, sanktioniert und am Ende verboten werden.

So verwandelt sich Meinungsfreiheit in ein betreutes Angebot. Man darf alles sagen, solange es eingeordnet, kontextualisiert, geprüft und moralisch freigegeben wurde. Die Regierung definiert den Rahmen. NGOs liefern die Empörung. Faktenchecker verteilen Etiketten. Am Ende heißt es, diese Meinung sei leider nicht zulässig gewesen. Demokratie, aber richtig.

Besonders elegant ist dabei die Auslagerung der Repression. Der Staat zensiert ja nicht selbst. Er lässt zensieren. Durch ein dichtes Geflecht aus NGOs, Meldestellen, zivilgesellschaftlichen Akteuren und öffentlich finanzierten Wahrheitsverwaltern. Formal unabhängig, finanziell bestens ausgestattet. Der Bürger zahlt dafür, dass man ihm erklärt, warum seine Meinung problematisch ist. Effizienter lässt sich Meinungsfreiheit kaum abbauen.

Was früher offene staatliche Kontrolle war, ist heute ein moralisch aufgeladener Druckapparat. Nicht das Verbot steht im Vordergrund, sondern die soziale Ausschaltung. Reichweitenkürzung, Kontosperren, Rufschädigung, algorithmische Unsichtbarkeit. Keine Zensur natürlich. Nur Konsequenzen. Freiheit, aber bitte verantwortungsvoll. Verantwortungsvoll heißt systemkonform.

Die Kartellparteien verbindet dabei ein gemeinsames Problem. Sie können es nicht mehr. Energiepolitik scheitert. Industriepolitik existiert nur als Ankündigung. Bildung verkommt zur Baustelle. Infrastruktur zerfällt. Verwaltung lähmt alles. Wer nichts liefert, muss lenken. Wer nicht überzeugt, muss kontrollieren. Wer argumentativ leerläuft, greift zum Maulkorb.

Früher mussten Politiker besser sein als ihre Kritiker. Heute reicht es, sie zu markieren. Desinformation. Hass. Demokratiefeind. Drei Begriffe, und jede Debatte ist beendet. Das ist keine Stärke. Das ist Angst. Angst davor, dass Bürger vergleichen, bewerten und Schlüsse ziehen. Angst davor, dass Meinungsfreiheit ihren Zweck erfüllt.

Der Auftritt Günthers bei Lanz war deshalb so entlarvend, weil er nichts mehr kaschierte. Kein Werben um Vertrauen. Kein inhaltliches Angebot. Stattdessen Drohkulisse. Zensur. Verbot. Kontrolle. Nicht als letzte Möglichkeit, sondern als politische Haltung. Wer so spricht, will nicht führen. Er will disziplinieren.

All das ist nicht neu. Die Werkzeuge sind bekannt. Andersdenkende stigmatisieren. Kritik moralisieren. Opposition als Gefahr rahmen. Medien einhegen. Wahrheit definieren. Kontrolle als Fürsorge verkaufen. Repression als Schutzmaßnahme tarnen. Der Unterschied liegt nur im Design. Heute läuft das Ganze digital, freundlich illustriert und mit dem Logo der Zivilgesellschaft versehen.

Demokratie bedeutet nicht, dass Regierungen festlegen, was gesagt werden darf. Demokratie bedeutet, dass Regierungen es aushalten müssen, für inkompetent gehalten zu werden. Meinungsfreiheit ist kein Gnadenakt der Macht, sondern ihr Gegengewicht. Wer das nicht akzeptiert, schützt keine Demokratie. Er schützt seine Position.

Günther wollte vielleicht Entschlossenheit demonstrieren. Herausgekommen ist ein Offenbarungseid. Kein konservativer Ordnungswille, sondern autoritäre Hilflosigkeit. Kein Vertrauen in die eigene Leistung, sondern Misstrauen gegenüber den Bürgern. Kein Argument, sondern der Wunsch nach Stille.

Die Maske ist gefallen. Nicht zufällig, sondern freiwillig. Und was darunter sichtbar wird, ist kein besorgter Demokrat, sondern ein Machtapparat mit Angst vor freier Rede.

Das sollte man ernst nehmen. Denn selten wird so offen angekündigt, was folgen soll. Nicht heimlich, nicht schrittweise, sondern live im Fernsehen. Wer jetzt noch glaubt, es gehe um Demokratieschutz, glaubt auch, dass Zensur Freiheit schafft.

Genau darauf setzen sie.

Experten aus der Retorte: Wie Scheinexperten das Narrativ der Kartellparteien bedienen

Politische Talkshows und Nachrichtensendungen sind in Deutschland zu wahren Expertenschleudern geworden: Es gibt kaum ein Thema, zu dem nicht sofort ein „führender Experte“ aus der Requisite geschoben wird – notfalls eben führend im Führen des eigenen Egos.

Die neue Experten-Inflation

Früher musste ein Experte wenigstens einmal in seinem Leben eine Studie gelesen, eine Fußnote geschrieben oder ein Labor von innen gesehen haben. Heute reicht es, dreimal in derselben Talkshow gesessen zu haben und den richtigen Frame zu bedienen. Die Einladungsliste orientiert sich weniger an Fachkompetenz als an Verlässlichkeit im gewünschten Narrativ: „Hält der Gast die Regierungslinie, kann er bleiben.“

Damit die Sache nicht zu kompliziert wird, werden dieselben Gesichter rotierend über alle Kanäle gereicht: Montag bei Lanz, Dienstag bei Illner, Mittwoch beim Presseclub – und am Donnerstag kommentieren sie dann in der Tagesschau die Aussagen, die sie sich am Montag selbst ausgedacht haben.

Framing statt Fachlichkeit

Das Ziel ist dabei längst nicht mehr die mündige Meinungsbildung, sondern die kontrollierte Empörungsbewirtschaftung. Die Fragen sind suggestiv, die Einspieler vorselektiert, die Stichworte sitzen: „Krise“, „Bedrohung“, „Extremismus“ – und schon steht das semantische Geländer, an dem sich der Fernsehzuschauer gefälligst entlangzuhangeln hat.

https://www.nius.de/analyse/news/zeitenwende-ohne-debatte-deutschlands-experten-desaster-braucht-eine-aufarbeitung

Der „Experte“ dient in diesem Setting als dekorativer Gütestempel: Was ohne ihn wie plumpe Propaganda wirken würde, heißt mit ihm „wissenschaftlich fundierte Einschätzung“ oder „analytische Einordnung“. Dass seine Aussagen oft nicht mehr empirische Basis haben als der Wetterbericht im April, stört niemanden – Hauptsache, die Pointe passt in den gewünschten Frame.

Narrative der Kartellparteien

Praktisch ist, dass diese Experten fast immer genau das sagen, was die sogenannten Kartellparteien ohnehin durchsetzen wollen. Ob es um Kriege, Energiewende, Migration oder Grundrechtseinschränkungen geht – erstaunlicherweise lautet die „wissenschaftliche“ Empfehlung fast nie: „Stopp, durchatmen, Debatte führen.“ Stattdessen heißt es: „Mehr davon, schneller, entschlossener.“

Wer aus der Reihe tanzt, gilt nicht als kritischer Kopf, sondern als „umstritten“, „polarisierend“ oder gleich „Demokratiefeind“ – und verschwindet von der Gästeliste. So entsteht jenes Expertenbiotop, in dem sich alle gegenseitig bestätigen, dass sie recht haben, während draußen die Realität höflich an die Glasscheibe klopft.

Fakes mit Titelzeile

Das wirklich Faszinierende an diesen Figuren: Das Einzige, was sie zuverlässig gemeinsam haben, ist, dass sie genau das nicht sind, als was sie ständig angekündigt werden. „Sicherheitsexperte“, der noch nie eine Einsatzdoktrin von innen gesehen hat. „Ökonom“, der vor allem davon lebt, in Talkshows über Wirtschaft zu reden, statt sie zu verstehen. „Kommunikationsexpertin“, deren Hauptreferenz die eigene Präsenz auf X und Instagram ist.

Gleichzeitig wird jede noch so grobe Fehleinschätzung rasch von der nächsten Talkshow weggespült – Verantwortungslosigkeit als Karrierebooster. Wer die Lage falsch eingeschätzt hat, wird nicht abgesetzt, sondern „nochmal eingeladen, um das für unser Publikum einzuordnen“. Fehlerkultur heißt: Man irrt sich immer in dieselbe Richtung.

Vertrauen als Kollateralschaden

Das Ergebnis dieser Dauerbeschallung ist keine aufgeklärte Öffentlichkeit, sondern ein Publikum, das immer deutlicher spürt, dass hier etwas nicht stimmt. Während Studien ein „stabil mittleres“ Vertrauen in die Medien attestieren, wächst parallel eine massive Skepsis, ob das, was dort als „Expertise“ verkauft wird, nicht in Wahrheit interessengeleitete Meinungsproduktion ist.

Ironischerweise beschädigen ausgerechnet jene „Experten“, die angeblich für Orientierung sorgen sollen, am zuverlässigsten das Vertrauen in Medien, Politik und Wissenschaft. Ihre größte Leistung besteht darin, die Nachfrage nach echten Fachleuten, echten Debatten und echten Widersprüchen dramatisch zu erhöhen – und die Leute zu lehren, beim nächsten eingeblendeten „Experten“-Titel reflexartig zum Ausschaltknopf zu greifen.

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