Wer erleben möchte, wie sich intellektuelle Selbstaufgabe in Parteiform anfühlt, muss derzeit nur der CDU und CSU zuhören. Was dort präsentiert wird, ist weder bloß schlecht noch schlicht konzeptlos. Es ist etwas Aufschlussreicheres: die öffentlich vollzogene Flucht aus dem Denken.
https://www.n-tv.de/politik/CDU-und-CSU-versuchen-es-mit-Waehlerbeschimpfung-id30315212.html
Die Christdemokratie, einst stolz auf ihren Ruf als „Partei der Ideen“, wirkt heute wie eine Endlosschleife ohne Inhalt. Die zentrale Botschaft lautet nicht: „Wir wissen, wie man ein Land modernisiert.“
Sie lautet: „Die Menschen arbeiten zu wenig und sind zu gut versorgt.“ Das ist keine Politik. Das ist kollektive Frustrationsverarbeitung mit Haushaltsvollmacht.
Blickt man auf das, was als „Agenda“ verkauft wird, entdeckt man vor allem semantische Großzügigkeit. Steuersenkungen hier, Strompreisrabatte dort. Man könnte das eine Zukunftsvision nennen, wenn man das Wort Vision sehr großzügig definiert. Tatsächlich handelt es sich um eine fiskalische Umsortierung mit politischem Etikett. Studien weisen auf Milliardenlücken hin, Effekte bleiben aus, empirische Grundlagen verdunsten. Das stört allerdings nur jene, die noch an den Zusammenhang zwischen Politik und Realität glauben.
Währenddessen zerfällt die Infrastruktur nicht metaphorisch, sondern materiell. Brücken werden zu Belastungstests für die Nerven, Schienen zu Geduldsübungen, Straßen zu Zeitreisen in die 80er. Milliardenprogramme werden angekündigt wie Kinotrailer, nur dass der Film nie erscheint. Die Antwort darauf lautet: weniger Staat. Das ist ungefähr so, als würde man einem Verdurstenden empfehlen, sparsamer zu trinken.
Im Bildungsbereich liefern internationale Studien Zahlen, die früher Reformen ausgelöst hätten. Heute lösen sie vor allem Schuldzuweisungen aus. Das Konzept besteht darin, anderen Versagen vorzuwerfen und dabei selbst keines zu entwickeln. Kritik ersetzt Inhalt, Lautstärke ersetzt Strategie. Man könnte es eine rhetorische Kreislaufwirtschaft nennen: Es wird nichts produziert, aber viel bewegt.
Das Gesundheitssystem liefert ein ähnliches Bild. Kliniken schreiben rote Zahlen, Personal plant den Rückzug, Versorgungsstrukturen bröckeln. Die präsentierten Lösungen erinnern jedoch weniger an Systemreform als an betriebswirtschaftliche Kürzungsübungen mit sozialem Kollateralschaden. Wenn der politische Werkzeugkasten nur noch aus dem Rotstift besteht, sollte man sich nicht wundern, wenn am Ende auch die Substanz verschwindet.
Bemerkenswert ist dabei weniger die Härte der Vorschläge als ihre Einseitigkeit. Der Arbeitnehmer wird zur erklärten Problemzone erklärt. Seine Teilzeit, seine Absicherung, sein Anspruch auf Ausgleich. Die Erzählung lautet: Das Land wäre stark, wenn seine Bevölkerung nur schwächer wäre.
Das hat fast philosophische Qualität. Nur leider unfreiwillig.
Die Ironie besteht darin, dass die gleichen Menschen, denen mangelnder Einsatz vorgeworfen wird, die wirtschaftliche Grundlage dieses Staates bilden. Sie finanzieren jene Strukturen, die ihnen anschließend als übertrieben komfortabel vorgehalten werden. Eine politische Rückkopplungsschleife, in der Kritik und Finanzierung aus derselben Quelle stammen. Man könnte es ein Geschäftsmodell nennen. Ein sehr bequemes.
Dabei wäre eine echte Modernisierungsagenda keineswegs geheimnisvoll. Verlässliche Investitionsprogramme, nachhaltige Bildungsstrategien, strukturell finanzierte Gesundheitsversorgung, technologische Förderung, Fachkräftesicherung durch Attraktivität statt Druck. Nichts davon ist revolutionär. Es wäre lediglich Politik mit Richtung.
Stattdessen dominiert eine Rhetorik der Mangelverwaltung. Weniger hier, weniger dort, mehr Flexibilität überall. Es ist die Kunst, Abbau als Dynamik zu verkaufen. Eine Partei, die früher Zukunft versprach, wirkt heute wie ein Haushaltsplan mit Mikrofon.
Das eigentlich Erstaunliche ist nicht der Tonfall, sondern die Leerstelle dahinter. Wo Visionen fehlen, wächst das Ressentiment. Wo Konzepte fehlen, wächst die Lautstärke. Und wo Substanz fehlt, bleibt am Ende nur die Pose.
Die große Leere ist kein Skandal. Sie ist ein Stilmittel geworden.