Man erkennt politische Schwäche oft daran, dass sie sich als Strenge verkleidet. Wenn Regierungen keine Antworten mehr haben, greifen sie gern zur Moral. Dann wird nicht erklärt, sondern ermahnt. Nicht analysiert, sondern gescholten. Friedrich Merz hat diese Form der Politik jüngst wieder gepflegt. Die Deutschen, so sein Befund, arbeiteten zu wenig. Work Life Balance sei ein Luxus. In der Schweiz, heißt es dann gern, arbeite man schließlich rund zweihundert Stunden mehr im Jahr.
https://www.n-tv.de/politik/Merz-kritisiert-die-Arbeitsmoral-der-Deutschen-id30242973.html
Die Botschaft ist klar und angenehm einfach. Wenn es wirtschaftlich nicht läuft, liegt das nicht an politischen Entscheidungen, sondern an mangelndem Einsatz der Bevölkerung. Der Vorwurf ist alt, aber zuverlässig. Er verlangt keine Reformen, sondern nur Zustimmung oder Schuldgefühl.
Das Problem ist nur, dass diese Erzählung mit der ökonomischen Realität kaum Schritt hält.
Denn Deutschland leidet nicht an kollektiver Arbeitsunlust, sondern an einem strukturellen Mangel an produktiver Arbeit. Arbeit, die investitionsgetragen ist, dauerhaft existiert und Einkommen erzeugt. Genau diese Arbeit verschwindet seit Jahren schleichend. Unternehmen investieren zurückhaltend, Produktionskapazitäten werden verlagert, industrielle Kerne ausgehöhlt. Die stark gestiegene Zahl von Unternehmensinsolvenzen, besonders im verarbeitenden Gewerbe, ist kein Betriebsunfall. Sie ist Ausdruck eines Standortproblems.
In dieser Lage über Arbeitsmoral zu sprechen, ist ungefähr so zielführend, wie bei Ebbe den Schwimmern mangelnden Ehrgeiz vorzuwerfen. Wo das Wasser fehlt, hilft kein Appell.
Hinzu kommt ein Aspekt, den die Arbeitszeitdebatte regelmäßig elegant umgeht. Deutschland arbeitet nicht deshalb weniger, weil Menschen früher Feierabend machen, sondern weil deutlich mehr Menschen in Teilzeit arbeiten als in vergleichbaren Ländern. Der Unterschied zur Schweiz liegt weniger in der Mentalität als in der Struktur des Arbeitsmarkts.
Teilzeit ist hierzulande für viele keine Komfortentscheidung, sondern eine nüchterne Kalkulation. Vollzeit lohnt sich oft nicht mehr. Hohe Abgaben, teure Kinderbetreuung, starre Arbeitszeiten und ein Steuersystem, das zusätzliche Stunden spürbar abschöpft, senden klare Signale. Wer mehr arbeitet, behält davon häufig erstaunlich wenig. Dass sich unter solchen Bedingungen viele für reduzierte Arbeitszeiten entscheiden, ist kein Ausdruck von Bequemlichkeit, sondern von Rationalität.
Die Schweiz zeigt, dass es auch anders geht. Dort arbeiten mehr Menschen länger, weil sich Arbeit rechnet. Der Abstand zwischen Teilzeit und Vollzeit ist deutlich, die Belastung kalkulierbar, die Rahmenbedingungen stabil. Die Schweizer arbeiten nicht mehr, weil sie fleißiger wären, sondern weil das System es nahelegt. In Deutschland legt das System etwas anderes nahe.
Vor diesem Hintergrund wirkt der Verweis auf zweihundert zusätzliche Arbeitsstunden weniger wie ein Argument als wie ein Missverständnis. Er verwechselt Ergebnis und Ursache. Die Arbeitszeit ist nicht der Hebel, sondern das Resultat politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen.
Merz hat einen Teil des Problems selbst benannt, als er von zu hohen Arbeitskosten sprach. Das ist richtig. Nur liegt die Ursache nicht bei den Beschäftigten. Arbeit ist in Deutschland teuer, weil sie politisch verteuert wird. Abgaben, Steuern, Berichtspflichten und regulatorische Zusatzlasten machen jede zusätzliche Stunde zu einer kostspieligen Angelegenheit. Das ist kein Charakterfehler der Arbeitnehmer, sondern ein systemischer Konstruktionsfehler.
Statt diesen Fehler zu korrigieren, wird die Debatte moralisch aufgeladen. Energiepolitik wird als Tugendübung betrieben, Bürokratie als notwendige Zumutung verteidigt, steuerliche Belastungen als alternativlos dargestellt. Gleichzeitig wird erklärt, die Lösung liege in längeren Arbeitszeiten. Das verlagert Verantwortung und spart politische Arbeit. Es ändert nur nichts.
Der Kanzler hätte auch anders sprechen können. Er hätte erklären können, warum Investitionen ausbleiben. Er hätte darlegen können, welche Bedingungen geschaffen werden müssen, damit Unternehmen wieder Arbeitsplätze aufbauen. Er hätte sagen können, dass mehr Arbeit nur dort entsteht, wo sich Arbeit lohnt. Das wäre keine populäre Rede gewesen, aber eine ehrliche.
Stattdessen bleibt es bei der Erzählung vom arbeitsscheuen Land. Sie klingt streng, wirkt entschlossen und lenkt zuverlässig vom eigentlichen Problem ab. Nicht die Menschen sind zu bequem. Das System ist zu unattraktiv.
Am Ende bleibt eine Ironie, die sich kaum übersehen lässt. Ein Kanzler fordert mehr Arbeit in einem Land, das seit Jahren alles daransetzt, diese Arbeit unattraktiv zu machen. Das ist keine Wirtschaftspolitik. Das ist eine Märchenstunde. Und wie so oft endet sie nicht mit einem Happy End, sondern mit der ernüchternden Rückkehr in die Realität.