Wer geht und warum
Man muss unseren politischen Entscheidungsträgern eines lassen: Sie sind konsequent. Seit Jahren wird über den Fachkräftemangel gejammert, werden Kommissionen gegründet und Expertisen eingeholt. Dabei ist die Lösung des Rätsels so simpel, dass man sie fast übersehen könnte. Wir haben gar kein Problem damit, Talente zu finden. Wir sind Weltmeister darin, sie auszubilden. Um sie dann, quasi als kostenlosen Service der deutschen Steuerzahler, an Länder zu verschenken, die Leistung noch zu schätzen wissen.
Seit gut 15 Jahren lässt sich dieses Phänomen beobachten. In den Fluren der Ministerien wird es gerne als „normale Fluktuation“ verharmlost. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Eine Sprache des Abschieds. Wie die Bundeszentrale für politische Bildung unter Berufung auf das Statistische Bundesamt bestätigt, kehren dem Land jährlich Hunderttausende den Rücken.
https://www.bpb.de/themen/migration-integration/regionalprofile/deutschland/550949/auswanderung-aus-deutschland/
Im Jahr 2023 etwa verließen rund 265.000 Deutsche das Land, während deutlich weniger zurückkehrten. Ein Nettoverlust von etwa 74.000 Menschen. In den letzten 15 Jahren entspricht das dem Verlust einer ganzen Großstadt.
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Wanderungen/Tabellen/wanderungen-zwischen-deutschland-und-dem-ausland-staatsangehoerigkeit.html
Was wir verlieren und was wir bekommen
Es sind nicht jene, die unser Sozialsystem belasten. Es gehen die Leistungsträger. Ingenieure, Ärzte, IT-Spezialisten. Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung gehören 76 Prozent der deutschen Auswanderer zur akademischen oder beruflichen Elite.
https://www.focus.de/finanzen/news/neue-studie-domaene-der-hochqualifizierten-hunderttausende-deutsche-wandern-aus_id_11424311.html
Sie gehen im produktivsten Alter, meist zwischen 30 und 40 Jahren. Genau jene, die Steuern zahlen, Familien gründen und Innovationen schaffen. Währenddessen bleibt die Zuwanderung geprägt von Menschen, die mehrheitlich keinen Berufsabschluss vorweisen können.
https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2024/12/SVR-Kurzbuendig_Einwanderung_2024.pdf
Das ist kein Brain Exchange. Das ist Brain Drain im klassischen Sinne. Ein strukturelles Defizit mit langfristiger Wirkung.
Kapital auf der Flucht
Es ist nicht nur der Mensch, der geht. Es geht auch das Kapital. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft wurden 2023 lediglich 22 Milliarden Euro an ausländischen Direktinvestitionen nach Deutschland gelenkt. Gleichzeitig betrug der Kapitalabfluss ins Ausland 94 Milliarden Euro.
https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/christian-rusche-hohe-abfluesse-deuten-auf-deindustrialisierung-hin.html
Auch das Beteiligungskapital versiegt. Die Netto-Direktinvestitionen sind von über 150 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf nur noch 43 Milliarden Euro im Jahr 2024 eingebrochen.
https://www.vfa.de/de/wirtschaft-standort/macroscope/macroscope-ruecklaeufige-direktinvestitionen
Investoren meiden den Standort
Die EY-Studie 2025 spricht eine klare Sprache. Die Zahl ausländischer Investitionsprojekte in Deutschland sank um 17 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2011. Seit dem Hochpunkt 2017 verzeichnet Deutschland einen Rückgang von 46 Prozent. Großbritannien verzeichnete im Vergleich dazu nur ein Minus von 25 Prozent.
https://www.ey.com/de_de/newsroom/2025/05/ey-standort-deutschland-2025
Besonders alarmierend: Bei US-Investitionen in Europa fiel der Rückgang in Deutschland mit 27 Prozent mehr als doppelt so stark aus wie im europäischen Durchschnitt.
Eine Politik der Selbstsabotage
Deutschlands Standortattraktivität leidet unter einer überbordenden Bürokratie, planwirtschaftlicher Regulierung und einer steuerlichen Belastung, die längst jede vertretbare Grenze überschreitet.
Die politische Klasse beschäftigt sich mit ideologischen Projekten. Brücken bröckeln, Unternehmen schließen. Im Jahr 2024 wurden rund 200.000 Unternehmen in Deutschland abgemeldet. Ein historischer Spitzenwert.
Die deutsche Verwaltung glänzt nur noch beim Ausfüllen von Formularen. Wer ein Unternehmen gründet, einen Bauantrag stellt oder ein Produkt zulassen möchte, braucht eine Engelsgeduld und Galgenhumor.
Und während sich Investoren, Talente und Unternehmen verabschieden, bleibt dem Land nur eines: die Hoffnung, dass jemand das Licht ausmacht. Aber bitte erst nach erfolgreicher Antragstellung.