Die Krankenakte Markus Söder – Warum Deutschland nicht an kranken Arbeitnehmern, sondern an Politikern leidet

Markus Söder hat wieder eine Idee. Das ist immer der Moment, in dem man den Kopf einzieht, weil man weiß: Jetzt kommt garantiert nichts, was jemanden heilt, stärkt oder entlastet. Diesmal will der bayerische Ministerpräsident die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall antasten. Angeblich, weil die Deutschen ja „zu oft krank“ seien und weil man es in der Schweiz „besser“ mache. Das klingt nach Reform, ist aber nur das übliche Krähen im Chor der politischen Betriebswirte, die ihren eigenen Laden nicht begreifen und deshalb lieber auf die Belegschaft zeigen.

https://www.n-tv.de/politik/Soeder-will-strengere-Regeln-bei-Lohnfortzahlung-im-Krankheitsfall-id30200622.html

Schaut man nämlich über die Grenze, entdeckt man ein anderes Bild: In der Schweiz wird die Lohnfortzahlung nicht staatlich, sondern über private Versicherungen geregelt. Das klingt zunächst hart, ist aber im Ergebnis erstaunlich arbeitnehmerfreundlich. Die Entgeltzahlung dauert dort häufig länger, liegt finanziell deutlich über dem deutschen Niveau und ist in der Höhe auch nicht gedeckelt. Mit anderen Worten: Ein Schweizer, der krank ist, bekommt in der Regel mehr, nicht weniger. Er bekommt dies auch länger. Und nein, er geht deswegen nicht seltener zum Arzt. Die Schweizer Bevölkerung ist nicht gesünder, sondern das System ist schlicht effizienter organisiert, weil der Staat sich aus vielen Dingen heraushält. Kein Wunder, dass Söder das missversteht.

In Wahrheit will er gar keine schweizerischen Verhältnisse. Er will deutsche Verhältnisse, nur eben billiger. Und nur natürlich auf dem Rücken Anderer. Krank werden soll zum moralischen Problem erklärt werden: Wer länger fehlt, gilt als potenzieller Schmarotzer. Das passt ins Menschenbild unserer politischen Klasse: Wer arbeitet, ist verdächtig, nicht krank zu werden; wer krank ist, ist verdächtig, nicht zu arbeiten. Ein grotesker Zirkelschluss, den man nur durchhalten kann, wenn man nie außerhalb politischer Sitzungssäle gearbeitet hat.

Dabei liegt das Problem an ganz anderer Stelle, und jeder, der rechnen kann, weiß es. Die gesetzlichen Krankenkassen werden derzeit durch eine uneingeschränkte Masseneinwanderung enorm belastet. Jeder Ankommende erhält eine Krankenversicherung, unabhängig davon, ob jemals Beiträge gezahlt werden. Der Staat übernimmt zwar theoretisch die Kosten. praktisch aber nur einen Bruchteil dessen, was anfällt. Die AOK kann das Lied längst auswendig. Der Rest wird querfinanziert und zwar von denen, die ohnehin schon das System tragen und ausgeblutet sind. Genau dort müsste also jede echte Reform ansetzen. Stattdessen hält Söder den Thermometer ins Fieber, schimpft über die Temperatur und fordert, dass die Patienten künftig bitteschön weniger herumliegen sollen.

Noch absurder wird es, wenn man seinen Vorschlag im Kontext betrachtet. Angeblich soll durch weniger Krankentage das „Beschäftigungsvolumen“ steigen. Das klingt beeindruckend technokratisch, wird aber durch einen simplen Umstand zerschossen: Es ist keine zusätzliche Arbeit da. Die Industrie wandert ab, Investoren umgehen Deutschland inzwischen wie einen Bürokratiestau, und wer hier noch produziert, bezahlt für Strom, Steuern und Vorschriften mehr als manche Konkurrenz für eine ganze Fertigungskette. Der Staat hat also das Pferd vernachlässigt, aber schlägt lieber den Stallknecht.

Es stimmt: In Deutschland wird im internationalen Vergleich weniger gearbeitet. Aber das liegt nicht an den Arbeitnehmern, sondern am System, das produktive Zeit in Frust, Papier und Prozesse erstickt. Der Staat kontrolliert, prüft, verordnet, blockiert und wundert sich dann, dass nichts mehr läuft. Jeder zweite Betrieb, der noch produziert, kämpft nicht gegen seine Konkurrenz, sondern gegen die eigene Verwaltung. Die Frage, die sich wirklich stellt, lautet nicht, wie man Menschen zur Arbeit zwingt, sondern warum es sich überhaupt noch lohnt, hier Arbeit zu schaffen.

Wer also glaubt, man könne Deutschlands wirtschaftliche und gesellschaftliche Erschöpfung mit weniger Krankengeld therapieren, gleicht dem Arzt, der dem Patienten nach der Operation das Bett wegnimmt, damit er schneller gesund wird. Es ist ein absurdes Schauspiel, bei dem Ideen durch die Republik galoppieren wie jene sprichwörtliche Sau, die man alle paar Wochen durchs Dorf treibt. Diesmal heißt sie eben „Reform der Entgeltfortzahlung“. Nächstes Mal heißt sie „Leistung muss sich wieder lohnen“. Und am Ende kommt wie immer: nichts.

Man müsste diesen politischen Kreislauf unterbrechen. Vielleicht tatsächlich mit einem TÜV für Politiker: Eignungstest, Fachkundeprüfung, jährliche Nachschulung. Themen: Volkswirtschaft, Sozialsysteme, Realität. Wer durchfällt, kriegt kein Megafon mehr. Das wäre billig, wirksam und endlich ein echter Reformansatz. Leider steht davon nichts in Söders Konzept. Aber vielleicht ja bald auf seinem nächsten Wahlplakat.

Der große Exodus: Fachkräftemangel? Wir exportieren sie doch!

Wer geht und warum

Man muss unseren politischen Entscheidungsträgern eines lassen: Sie sind konsequent. Seit Jahren wird über den Fachkräftemangel gejammert, werden Kommissionen gegründet und Expertisen eingeholt. Dabei ist die Lösung des Rätsels so simpel, dass man sie fast übersehen könnte. Wir haben gar kein Problem damit, Talente zu finden. Wir sind Weltmeister darin, sie auszubilden. Um sie dann, quasi als kostenlosen Service der deutschen Steuerzahler, an Länder zu verschenken, die Leistung noch zu schätzen wissen.

Seit gut 15 Jahren lässt sich dieses Phänomen beobachten. In den Fluren der Ministerien wird es gerne als „normale Fluktuation“ verharmlost. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Eine Sprache des Abschieds. Wie die Bundeszentrale für politische Bildung unter Berufung auf das Statistische Bundesamt bestätigt, kehren dem Land jährlich Hunderttausende den Rücken.
https://www.bpb.de/themen/migration-integration/regionalprofile/deutschland/550949/auswanderung-aus-deutschland/

Im Jahr 2023 etwa verließen rund 265.000 Deutsche das Land, während deutlich weniger zurückkehrten. Ein Nettoverlust von etwa 74.000 Menschen. In den letzten 15 Jahren entspricht das dem Verlust einer ganzen Großstadt.
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Wanderungen/Tabellen/wanderungen-zwischen-deutschland-und-dem-ausland-staatsangehoerigkeit.html

Was wir verlieren und was wir bekommen

Es sind nicht jene, die unser Sozialsystem belasten. Es gehen die Leistungsträger. Ingenieure, Ärzte, IT-Spezialisten. Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung gehören 76 Prozent der deutschen Auswanderer zur akademischen oder beruflichen Elite.
https://www.focus.de/finanzen/news/neue-studie-domaene-der-hochqualifizierten-hunderttausende-deutsche-wandern-aus_id_11424311.html

Sie gehen im produktivsten Alter, meist zwischen 30 und 40 Jahren. Genau jene, die Steuern zahlen, Familien gründen und Innovationen schaffen. Währenddessen bleibt die Zuwanderung geprägt von Menschen, die mehrheitlich keinen Berufsabschluss vorweisen können.
https://www.svr-migration.de/wp-content/uploads/2024/12/SVR-Kurzbuendig_Einwanderung_2024.pdf

Das ist kein Brain Exchange. Das ist Brain Drain im klassischen Sinne. Ein strukturelles Defizit mit langfristiger Wirkung.

Kapital auf der Flucht

Es ist nicht nur der Mensch, der geht. Es geht auch das Kapital. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft wurden 2023 lediglich 22 Milliarden Euro an ausländischen Direktinvestitionen nach Deutschland gelenkt. Gleichzeitig betrug der Kapitalabfluss ins Ausland 94 Milliarden Euro.
https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/christian-rusche-hohe-abfluesse-deuten-auf-deindustrialisierung-hin.html

Auch das Beteiligungskapital versiegt. Die Netto-Direktinvestitionen sind von über 150 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf nur noch 43 Milliarden Euro im Jahr 2024 eingebrochen.
https://www.vfa.de/de/wirtschaft-standort/macroscope/macroscope-ruecklaeufige-direktinvestitionen

Investoren meiden den Standort

Die EY-Studie 2025 spricht eine klare Sprache. Die Zahl ausländischer Investitionsprojekte in Deutschland sank um 17 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2011. Seit dem Hochpunkt 2017 verzeichnet Deutschland einen Rückgang von 46 Prozent. Großbritannien verzeichnete im Vergleich dazu nur ein Minus von 25 Prozent.
https://www.ey.com/de_de/newsroom/2025/05/ey-standort-deutschland-2025

Besonders alarmierend: Bei US-Investitionen in Europa fiel der Rückgang in Deutschland mit 27 Prozent mehr als doppelt so stark aus wie im europäischen Durchschnitt.

Eine Politik der Selbstsabotage

Deutschlands Standortattraktivität leidet unter einer überbordenden Bürokratie, planwirtschaftlicher Regulierung und einer steuerlichen Belastung, die längst jede vertretbare Grenze überschreitet.

Die politische Klasse beschäftigt sich mit ideologischen Projekten. Brücken bröckeln, Unternehmen schließen. Im Jahr 2024 wurden rund 200.000 Unternehmen in Deutschland abgemeldet. Ein historischer Spitzenwert.

Die deutsche Verwaltung glänzt nur noch beim Ausfüllen von Formularen. Wer ein Unternehmen gründet, einen Bauantrag stellt oder ein Produkt zulassen möchte, braucht eine Engelsgeduld und Galgenhumor.

Und während sich Investoren, Talente und Unternehmen verabschieden, bleibt dem Land nur eines: die Hoffnung, dass jemand das Licht ausmacht. Aber bitte erst nach erfolgreicher Antragstellung.

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